Für das Kind ist es keine Frage der Vergebung, sondern…

eine Frage, wie sich die Eltern im Heute, im Hier und Jetzt verhalten.

Wenn Kinder sich von den Eltern distanziert haben, höre ich immer wieder, sie sollen ihren Eltern vergeben. Oder Eltern sagen zu ihrem Kind, dass es doch endlich vergeben soll, da ja alles schon so lange her ist.

Warum glauben Eltern und andere eigentlich, dass das Kind ein Problem mit dem Vergeben hat und wer sagt eigentlich, dass ein Kind, das seine Eltern lieber nicht in seiner Nähe hat, dass es automatisch nicht vergeben hat?
Zwei Fragen, die allerdings gerade keine Bedeutung bei diesem Artikel haben.

Ich bin der Ansicht, es geht nicht um Vergebung, sondern um das Verhalten der Eltern im Heute und im Hier und Jetzt. Ich denke, die meisten Kinder sind bereit für Annäherung zu ihren Eltern, wäre da spürbar und sichtbar eine positive Wandlung bei den Eltern geschehen. Wären da Eltern, die bereit sind ihre Fehler selbstreflektiert einzugestehen, sie ehrlichen Herzens bereuen würden und sich ernsthaft um Wiedergutmachung bemühen würden.

Kinder gehen aus meiner Sicht ja nicht, weil sie nicht vergeben können oder wollen.

– Es geht für das Kind aus meiner Sicht darum, sich nicht mehr von den Eltern emotional ausbeuten lassen zu wollen.
– Es geht dem Kind darum, sich nicht mehr von den Eltern als Objekt ihrer Begierde behandeln lassen zu wollen.
– Es geht dem Kind darum, nicht mehr als nicht fühlendes und nicht verletzliches Wesen angesehen zu werden, das alles schlucken und hinnehmen soll, was die Eltern ihm um die Ohren hauen.
– Es geht dem Kind darum, sich nicht mehr den Giftmüll der Eltern auf sich laden lassen zu wollen.
– Es geht dem Kind darum, den Eltern nicht mehr die Erlaubnis und die Möglichkeit zu geben, dass sie ihre Grenzen missachten können, übergriffig werden zu können und sie respektlos behandeln können.
– Es geht dem Kind darum, seine ganz eigenen Lebensvorstellung verwirklichen zu wollen, frei von elterlichen egoistischen, narzisstischen Erwartungen und Forderungen.
– und es geht dem Kind darum, den Eltern keine Chance mehr geben zu wollen, damit sie sie nach Belieben peinigen, demütigen und erniedrigen können.

Eltern dagegen wollen meiner Beobachtung nach, dass ihre Kinder ihnen vergeben, wollen sie aber weiterhin unfair, respektlos, gleichgültig, gewissenlos, gedankenlos und unreflektiert behandeln können wie bisher. Eltern wollen sich nicht eingestehen, dass ihr Verhalten gegenüber ihrem Kind verletzend und unakzeptabel ist und plädieren darauf, nicht zu wissen, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung ist.
Aber nicht in Ordnung ist eben nicht in Ordnung, ob wir das wissen oder nicht. Unwissenheit, Verdrängung, nicht wahr haben wollen und keine bösen Absichten haben, schützt vor den Folgen und der Wirkung nicht.
Ich mag beim Autofahren mir mein zu schnell fahren nicht bewusst gewesen sein, vielleicht weil ich ein mitreißendes Lied gehört habe, ganz darin eingesunken bin und gar keine böse Absichten hatte. Dem Blitzer ist das egal. Er zeigt lediglich das an, was ist und erinnert mich an mein Fehlverhalten im Strassenverkehr und will damit die Sicherheit für die anderen Erdenbürger gewährleisten.
Es war nicht der „Scheiß“ Blitzer, der daran Schuld ist, dass ich jetzt die Wirkung in Form von „Bußgeld“ erhalten habe, sondern mein zu schnelles Fahren.
Und wenn ich mich im Strassenverkehr nicht den Regeln anpasse und weiterhin bewusst oder unbewusst meine Umwelt gefährde, dann wird mir irgendwann die „Mitfahrgelegenheit“ auf der Straße entzogen.
Wenn also Eltern ihrem Kind gegenüber zu „schnell“ unterwegs sind und damit die Sicherheit des Kindes in Gefahr bringen, bekommen sie von ihrem erwachsenen Kind dafür auch eine ordentliche Quittung.
Halten sich Eltern, aus welchen Gründen auch immer, an ihren schlechten Angewohnheiten und Umgangsformen fest, kann die Folge und die Wirkung sein, dass Kinder ihnen sagen, ich bin dann mal weg und knutscht euch ins eigene Knie.

Um ehrlich zu sein, ich habe den Eindruck, dass in Wahrheit Eltern ihr Kind und den Kontakt zu ihnen egal wäre, wären da nicht unter anderem ihre übergroßen, unerfüllten, kindlichen Bedürfnisse nach gut sein, nach Anerkennung, nach Liebe, die sie von ihrem Kind erfüllt haben wollen und einfordern.
Ebenso glaube ich, es geht Eltern darum, dass sie mit ihrem Kind jemand zur Verfügung haben wollen, wo sie ihren eigenen Lebens-Frust, ihre Wut, ihre Enttäuschung und ihre Unzufriedenheit abladen können.
Ich habe auch den Eindruck, den Eltern geht es am meisten darum, dass ihnen ihr Kind Wohlgefühl vermittelt und sie ihrem Bedürfnis nach guten Eltern sein von ihrem Kind bestätigt werden wollen.
Das Kind ist meist denke ich für etliche Eltern mehr Mittel zum Zweck und weniger weil sie sich an diesem wunderbaren und einzigartigen Geschenk Kind erfreuen.
Selten glaube ich, geht es den Eltern wirklich um das Kindeswohl, das sie so gerne als Vorwand nehmen.

Und ich glaube, dass in der Summe all das ist, was viele Kinder bei und in sich spüren und weswegen sie die Nähe zu ihren Eltern meiden. Diese erwachsene Kinder haben schon ihr ganzes Leben lang irgendwie, vielleicht nur latent, das Gefühl, meinen Eltern geht es nicht um mich, meine Eltern haben kein Interesse daran zu wissen, was ICH will, wohin ich will, was ich denke, welche Meinung ich habe und wer ich als Seele bin.

KAus diesem Grund ist es für mich keine Frage, ob das Kind vergibt oder nicht, sondern ob Eltern bereit sind, etwas in ihrem so sein soweit ändern zu wollen, dass das Kind sich bei ihnen uneingeschränkt frei, gut, angenommen, geliebt, wertgeschätzt, respektiert und ernst genommen fühlt.
Natürlich können Eltern auch warten, bis ihr Kind eines Tages vielleicht in sich seine Wunden soweit geheilt hat, dass die Gegenwart seiner Eltern keine Verkrampfung, keine Panik, keine Angst, keinen Schock und keine Kaninchenstarre mehr auslöst. Darauf hoffen und warten würde ich als Eltern aber nicht.

Ich freue mich über Ihre Wertschätzung und Unterstützung:

DANKE!

4 Gedanken zu “Für das Kind ist es keine Frage der Vergebung, sondern…”

  1. Ganz genau. Ich habe das meinen Eltern auch schon wiederholt gesagt, es geht nicht um damals, es geht um jetzt, aber das können oder wollen sie nicht verstehen. Also will ich sie nicht in meinem Leben. Ich hasse sie aber nicht, habe auch sonst keinerlei negativen Gefühle ihnen gegenüber, ich will nur nichts mit ihnen zu tun haben, weil es dafür einfach keinen Grund gibt.

  2. Lieber Norbert, endlich schreibt jemand es mal so wie es wirklich ist.
    Ich möchte nicht mehr von meinen Eltern benutzt werden und kriege es eben anders nicht hin, als wenn ich keinen Kontakt mehr zu ihnen habe. Vielen Dank, Cora

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