Staatlich gesetzlich vorgeschriebener Schulzwang und die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar, geht das zusammen?

Wenn wir sehen, wie viele Kinder unglücklich sind, Depressionen bekommen, krank werden, Ängste entwicklen und darunter leiden, weil sie in die Schule gehen müssen, dann müssen wir denke ich uns ernsthaft die Frage stellen, ob hier nicht Machtmissbrauch seitens unseres Staates vorliegt und ein enormer Eingriff in die Menschenrechte und Würde eines Kindes stattfindet.

Oder wir müssen davon ausgehen, dass unser Gesetz, bei dem die Würde eines jeden Menschen unantastbar ist, nur großgewachsenen Menschen gilt und Kinder ausschließt. Dann hätten wir zumindest eine Erklärung dafür, warum Kinder dazu gezwungen werden können, in Schulen gehen zu müssen. In Schulen, in der sie nicht nur viel Unwesentliches lernen, teilweise Mobbing von anderen Kindern erleben, dafür benotet und beurteilt werden, wie gut sie funktionieren, sondern insbesondere von dem abgeschnitten und isoliert werden, was sie in Wirklichkeit begeistert, leidenschaftlich, lebendig, kreativ, einzigartig und besonders sein lässt.

Es mag sein, dass einer vorgeschriebenen Schulpflicht einst eine positive Motivation zugrunde lag. Vielleicht damit Kinder aus sozial schwächeren Familien eine Chance haben, etwas lernen und entdecken zu können und positive Erfahrungen mit anderen Kindern und Erwachsenen sammeln zu können. Vielleicht damit Kinder zwischen elterlicher Erziehung einen Platz haben, wo sie sich von den anstrengenden und fordernden Eltern erholen, entspannen und Schönes auftanken können.
Doch die Wirklichkeit hat für mich ein anderes Gesicht.

In der heutigen Wirklichkeit finden wir aus meiner Sicht ein Schulsystem wieder, das wenn überhaupt, den Kindern nur begrenzt hilfreiches und wichtiges Lebenswissen mit auf ihren Lebensweg geben kann. Hinzu kommen etliche Lehrer, die dem Kind nicht auf empathische, einfühlsame, verständliche Weise begegnen können, was zumindest den seelischen Schaden am Kind um einiges minimieren könnte.

Denn sind wir ehrlich, wie viele Lehrer sind angesichts ihrer eigenen Kindheitsgeschichte wirklich in der Lage, das Kind, das sich nach Liebe, Beachtung und nach Bestätigung sehnt, wirklich so zu sehen und das zu geben, was es wirklich braucht? Sind Lehrer letztendlich nicht auch „nur“ Menschen, die mit ihrer eigenen unverarbeiteten Kindheit ihr Leben zu meistern versuchen und den Lernstoff nach Vorschrift in die Kinder hineinquetschen müssen? Lehrer, die selbst unter Druck stehen und bei ihren Schülern an ihre Grenzen stoßen, überfordert sind und sich dazu gezwungen fühlen, bei dem Kind, das nicht mitmacht ihren Druck weiter zu geben?
Nehmen wir Kinder mit ADHS Syndrom. Zu meiner Zeit gab es diese Kategorie für Kinder noch nicht, sonst hätte ich sicherlich auch den Stempel ADHS Kind aufgedrückt bekommen. Wie werden diese Kinder von den Lehrern und Lehrerinnen in den meisten Fällen angesehen? Wahrscheinlich mehr als Störeffekt und Unruhestifter, das mit Medikamenten ruhig gestellt werden muss, als ein Kind, das in einem seelischen Konflikt steckt.
Diese Kinder haben aus meiner Sicht kein Aufmerksamkeitsdefizit im Sinne von, es kann sich nicht konzentrieren und kann nicht ruhig sitzen bleiben. Sondern das Kind hat ein Aufmerksamkeitsdefizit im Sinne von, es wird zu wenig in seinem Wesen von den Eltern, Lehrern und unserer Gesellschaft gesehen, gehört, verstanden und schreit nach Freiheit, Anerkennung und Liebe.
Doch was passiert dem Kind in der Schule, im Grunde das selbe, was es auch schon von zu Hause aus kennt. Es erlebt wieder einmal die ständigen Botschaften wie, mit mir stimmt was nicht, ich bin verkehrt und mache alles falsch, ich kann es niemandem Recht machen, überall wo ich bin störe ich nur und bin nicht willkommen. Für solche Botschaften an das Kind brauchen wir denke ich keine Schulen.
Eine Schule des Herzens, die die Absicht verfolgt, das Kind in seinem Wesen wirklich fördern zu wollen, schaut meiner Ansicht nach auf die Bedürfnisse, auf die Stärken, auf die Talente, Gaben, Fähigkeiten und Vorlieben des Kindes und nicht darauf, einem Kind stundenlang Gehirnwäsche mit unnützem Zeug zu unterziehen.
Und gerade Deutschland ist aus meiner Sicht im Bereich Schulzwang noch heute einer der strengsten Länder der Welt, dem meines Wissens eine bewusste Absicht aus lang vergangenen Zeiten zugrunde liegt und zwar die Absicht, aus kleinen Kindern erwachsene, gehorsame, funktionierende, angepasste und brave Soldaten machen zu wollen. Heute geht es vermutlich nicht mehr darum Soldaten zu formen, aber es geht immer noch darum, Kontrolle auszuüben. Das merken wir daran, wenn Eltern in Deutschland ihr Kind nicht in die Schule stecken lassen wollen, dass sie dazu gezwungen sind, das Land verlassen zu müssen, da sie sonst damit rechnen müssen, dass das Kind von der Polizei zum Schulunterricht abgeholt wird und sie als Eltern mit Konsequenzen vom Jugendamt zu rechnen haben bzw. vom Vater Staat Strafen aufgebrummt bekommen.
In anderen europäischen Länder wie Frankreich, Österreich, Schweiz … besteht zumindest die Möglichkeit, dass Eltern ihr Kind zu Hause lernen lassen können, im Sinne von Homeschooling und Freilernen. Hier ist allerdings noch keine ganzheitliche Freiheit für das Kind vorhanden, da das Kind den schulischen Lernstoff trotzdem in seinen Kopf rein bekommen muss und Zwangsprüfungen ablegen muss.
Die idealste Form damit sich das Kind völlig frei, unbeschwert und ohne Leistungsdruck entfalten und entwickeln kann ist glaube ich gar keine Schule. Sozusagen Unschooling oder Schulfrei für das Kind von Anfang an.

Aber was Home- und Unschooling angeht, welche Möglichkeiten es gibt und welche Länder am entspanntesten sind, gibt es etliche Spezialisten auf diesen Gebiet, die fundierteres Wissen haben als ich.
Die Bewegung, die ich zu beobachten meine ist zumindest so, dass immer mehr bewusst lebende Eltern ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken wollen und ihnen auch keinen Lernzwang mehr aufbürden wollen, eben aus dem guten Grund, dass sie nicht mehr mit ansehen wollen, wie ihre Kinder unter dem Schulsystem und dem Leistungsdruck leiden.
Aber Kinder nicht mehr in die Schule zu schicken braucht wiederum Eltern, die ein hohes Maß an Selbstverpflichtung, Verantwortungsgefühl haben, die dem Kind gesunde emotionale und materielle Stabilität geben können und die dem Kind die Möglichkeit bieten können, dass es sich ausprobieren und entwicklen kann. Eine nicht unerhebliche Herausforderung für die Eltern wie ich finde und wo sich Eltern ernsthaft fragen müssen, ob sie sich wirklich bereit dazu fühlen.

Letztendlich denke ich werden Kinder am besten lernen können, wenn sie genügend geschützten und entspannten Raum zur Selbstentdeckung und Selbstentfaltung haben und wenn sie von Vorbildern umgeben sind, die eine positive Wirkung auf sie haben. Dazu gehören für mich in erster Linie natürlich die vorbildlich lebenden Eltern, die dafür gesorgt haben, dass sie ausreichend genug in sich frei sind und echt sind, ihre eigenen Kindheitswunden ausreichend haben heilen lassen, emotionale Kompetenz besitzen, mit beiden Beinen auf dem Boden und im Leben stehen, die materielle, finanzielle Welt im Griff haben, ein nährendes soziales Umfeld haben, das tun (arbeiten) was sie lieben, mit ihrem spirituellen Wesen gut verbunden sind und ihrem Wesen entsprechend leben.

Ist das vielleicht nicht ein zu hoher Anspruch an uns? Gegenfrage. Wenn wir das Beste für uns wollen, das Beste für unsere Kinder wollen und gemeinsam ein glückliches Familienleben haben wollen, kann da unser Anspruch zu hoch sein?

Ich denke, irgendwann werden wir als Gesellschaft soweit spirituell gewachsen und erwachsen geworden sein, dass wir erkennen, dass es für uns an der Zeit ist ein Schulsystem, das Kinder dazu nötigt sich verbiegen zu müssen, loszulassen. Und vielleicht entwickeln wir dann eine neue Form von Schulen, die wir dann Schule des Herzens oder Schule mit Herz nennen.

Vielleicht erschaffen wir dann einfach Plätze und kreieren Räume, wo Kinder jederzeit und nach Lust und Laune hingehen können, um dort etwas neues entdecken und lernen zu können, wie z.B. wie ein Instrument gespielt wird, wie sie sich einen Kinderstuhl bauen können, wie sie ein Bild malen können, wie sie etwas reparieren können, wo sie eine andere Sprache lernen können……
Dann kann jedes Kind sich auf das konzentrieren was es begeistert und wofür sein Herz schlägt. Auf ganz natürliche Weise kann dann ein Kind auf seinem Gebiet zum Spezialisten werden und das lange bevor es nach unserem System in der Position wäre, eine Ausbildung machen zu können.

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5 Gedanken zu “Staatlich gesetzlich vorgeschriebener Schulzwang und die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar, geht das zusammen?

  1. Ich finde eine Schulpflicht durchaus sinnvoll.
    Wenn wir als Gesellschaft jedoch wirklich etwas Positives und Stärkendes von den Fähigkeiten der nachfolgenden Generationen haben wollen, dann braucht es individuelles Eingehen auf die Kinder und individuelle Förderung, statt „alle über einen Kamm“.

    In der heutigen Zeit, wo reines faktisches Wissen überall verfügbar ist und sich ständig erweitert und wandelt, ist es notwendig, zu lernen, wie man sich das Wissen was man wirklich braucht, innerhalb kurzer Zeit optimal erarbeiten und aufnehmen kann. Das geschieht ebenfalls auf jeweils individuelle Weise. Um es umsetzten zu können, ist es nötig, entsprechende körperliche Geschicklichkeit, Kommunikation, Selbstbewusstsein, Denkfreiheit, Logik, Phantasie und anderes zu schulen. Und wirkliches Lernen braucht ein lebendiges, freudiges und emotional bewegendes Umfeld! So meine eigenen Erfahrungen.

    Zur Würde des Menschen: Sie ist in unserem Land zwar unantastbar, doch darf sie statt dessen nach Belieben mit Füßen getreten werden. Das ist täglich zu beobachten.

    • Vielen Dank für Deine Gedanken Eberhard Axel Grote, die ich mit dir größtenteils teile.

      Allerdings finde ich, dass ein Kind, das etwas wissen will, dazu keinen Schulzwang braucht. Denn wie wir denke ich wissen, sind Kinder von sich aus lern- und wissensdurstig und voller Entdeckungslust. Für was sollten wir dann eine Schulpflicht brauchen?

      Was Kinder denke ich brauchen sind Möglichkeiten, wo sie das, was sie wissen, lernen, … wollen auch finden können, ausprobieren können, entdecken können,…
      Dahin müssen wir aber aus meiner Sicht erst einmal als Eltern und Gesellschaft hinreifen.

      Liebe Grüße, Norbert

  2. Hallo Norbert,

    dass Kinder wissensdurstig sind und meist gerne lernen und erforschen, ist klar.

    Während des Reifeprozesses unserer Gesellschaft wird es allerdings ohne Schulpflicht wohl schwerlich gehen. Es gibt zu viele Eltern, die in ihrem Leben einfach überfordert oder gar nicht imstande sind, ihre Kinder bei freiem Lernen entsprechend zu begleiten. Bei den Experimenten mit antiautoritärer Erziehung, also völlig ohne Vorgaben, hat sich deutlich gezeigt, dass die Kinder einen ausreichenden Halt und auch gesunde Grenzen für eine gesunde Entwicklung brauchen.

    Im Rahmen eines Projektes beschäftigte ich mit den Lehrplänen des Landes Brandenburg. Wenn der Inhalt sachgerecht umgesetzt würde, wären die Kinder garantiert kaum aus der Schule herauszubekommen, weil es einfach irre spannend wäre!

    Ich entwickelte dabei Lern- und Erfahrungsprozesse, in welche die Eltern zum Teil mit einbezogen werden sollten. Damit würde es für sie begreifbar, was ihre Kinder erfahren. Eine solche Struktur würde Verständnis und Verbindung sehr fördern. Es gab einen Teil der Lehrer*innen die Feuer und Flamme dafür waren. Der größere Teil jedoch stand dem ablehnend gegenüber. Selbst in einer Schule, deren Leitung sehr aufgeschlossen war, scheiterte das Projekt bereits auf der nächst höheren Ebene.

    Was fehlt, sind motivierte, aufgeschlossene Lehrer mit Einfühlungsvermögen und Phantasie und insbesondere ein System, welches diese Lehrer gedeihen lässt und fördert! Viele Lehrer gehen mit all dem und besten Motivationen an den Start und werden vom System ausgelaugt.

    Schulpflicht ist nur das rote Tuch des Toreros. Darüber bräuchten wir gar nicht zu diskutieren. Die wahren Gründe für die Misere liegen bei den Menschen die das System Schule in der gewohnten Form zementieren und auf unsinnige Standards festlegen. Sie behindern und unterdrücken die Reifeprozesse wo immer sie sich zeigen.

    http://www.sudbury-muenchen.de/

    Liebe Grüße,

    Eberhard

    • Hallo Eberhard,

      In einer reifen und gesunden Gesellschaft gibt es aus meiner Sicht keinen Schulzwang mehr. Das ist für mich der Punkt.
      Da ich denke, dass es noch dauern wird bis wir an diesem Punkt ankommen, steht für mich auf einem anderen Blatt.
      In der Zeit bis dahin, wird es denke ich weiterhin Systeme geben, die sind wie sie sind und dazu gehört für mich unter anderem auch unser Schulsystem mit seinem Schulzwang.

      Wenn die „Schule“ dann irgendwann für das Kind „irre spannend“, fördernd, nährend, positiv ist, wird sich das Kind denke ich freiwillig an diesen Ort begeben, was wiederum denke ich dazu führen wird, dass wir erkennen dürfen, dass ein Schulzwang nicht notwendig ist.

      Liebe Grüße
      Norbert

  3. In Österreich gibt es keinen „Schulzwang“, doch gibt es eine Unterrichtspflicht.
    Das bedeutet, man kann durchaus sein Kind von einer Schule abmelden und daheim unterrichten oder privat unterrichten lassen.

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