Raus aus dem dunklen Schatten eines erkrankten Familiensystems bzw. das sinkende Familienschiff verlassen

Ich finde es wirklich sehr schade. Eine Familiengemeinschaft könnte für uns alle denke ich so eine wunderbare Zusammenkunft von Großeltern, Eltern, Kindern, Geschwistern, Onkeln und Tanten sein, wenn wir nur in unseren Seelen, in unseren Herzen gesund und heil wären.
Wir alle könnten in unserer Herkunftsfamilie und in unserer eigenen Familie so viel Spaß miteinander haben, so viel Schönes miteinander erleben, so viel glückliche Zeiten miteinander verbringen und alle könnten sich darin unendlich, grenzenlos wohl, geborgen, geliebt, sicher, beschützt und willkommen fühlen.
Doch leider sind für mich viele von uns durch erlebte ungeheilte Wunden, Traumata und Verletzungen aus unserer Vergangenheit noch schwer belastet und wir tragen diese Last mit in unser Leben, in unsere Beziehungen und in unsere eigenen gegründeten Familien. Diese Last wirkt sehr stark, und, diese Last wirkt für mich gerade deshalb so stark weil wir diese alten Wunden,… verdrängt haben und nicht sehen wollen.
Doch wie wir wissen, ob wir etwas sehen oder nicht sehen wollen, ändert nichts daran, dass das, was da ist, auch weiterhin da sein wird.
Der schwarze Mann, der vor einem Kind steht, steht auch dann noch da, wenn es seine zarten Hände vor seine Augen hält oder wenn es sich umdreht.
Genauso sind unsere Wunden, Traumata, Verletzungen noch da, auch wenn wir sie verdrängen, ignorieren und unbeachtet im Keller liegen lassen.
Diese Familiensysteme, in denen die dunklen Schatten keinen Namen haben und die dadurch ständig ihr Unwesen treiben können, sind für mich besonders für Kinder ein sehr unsicherer, unberechenbare Ort, wo ständig Gefahren auf sie zu lauern scheinen. Diese Kinder sind diesem destruktiven Familiensystem schutzlos und hilflos ausgeliefert und können sich nicht wehren. Sprich, das Kind kann nichts anderes machen, als alles über sich ergehen lassen zu müssen.

Der Unterschied der Ohnmacht zwischen einem Kind und uns als Erwachsenen sollte uns denke ich klar sein. Ein Kind kann definitiv nicht gehen, wir als Erwachsene, in Einbezug der Folgen und wenn wir nicht gerade irgendwo gefangen sind, jederzeit. Wenn wir uns also erlauben, uns in die Lage des Kindes einmal hinein zu versetzen, dann bekommen wir denke ich ein ziemlich reales Gefühl dafür, was ein Kind bei oder in einem destruktiven Familiensystem alles hilflos und ungeschützt hinnehmen muss und was wir selbst als Kind in unserer Herkunftsfamilie alles ungeschützt und hilflos haben hinnehmen müssen.

Aber natürlich fühlt sich nicht nur das Kind unendlich unwohl, sondern ich denke, dass sich in solchen maroden Familiensystemen niemand wirklich sicher, geborgen, getragen und gehalten fühlt und dass dort selten ein Klima herrscht, wo der Einzelne wirklich entspannen kann, unbeschwert seine Gefühle der Freude, Wut, …. empfinden kann und ein echtes liebevolles Miteinander erleben kann.

Mir kommt es oft so vor, als wäre kaum jemand innerhalb der Familie an seinem richtigen Platz, wo der Einzelne sich frei bewegen, sich frei ausdrücken und er selbst sein kann und als hätte in der Familie keiner die Rolle, die seinem Wesen und seinem Alter wirklich entspricht. Die Großeltern nicht, die Eltern nicht, die Kinder nicht, die Onkeln und Tanten nicht. Kaum jemand scheint einen Platz innerhalb der Familie bekommen zu haben, der sich für den Einzelnen wirklich grenzenlos schön, gut und stimmig anfühlt.
Und Kinder, als hilfloseste Familienmitglieder, leiden denke ich am meisten darunter, denn sie haben weder die Wahl. dieses destruktive Familienenergiefeld verlassen zu können, noch haben sie die Macht etwas verändern zu können. Kinder sind darauf angewiesen und müssen darauf hoffen, dass die Erwachsenen gewissenhaft und verantwortungsbewusst für ein gutes, schönes, nährendes, stabiles und gesundes Familienklima sorgen.
Doch daran hapert es meiner Ansicht nach in vielen Familien. Die Erwachsenen, in erster Linie die Eltern, geben zwar aus meiner Sicht alle ihr Bestes, was aber dennoch oft viel zu wenig und nicht genug ist.
Viele, wenn nicht sogar alle Menschen geben ihr Bestes und dennoch kann es weniger gut sein, weniger gesund sein und nicht reichen. Ein junger Mann gibt sein Bestes, denn er will ein großer Fussballstar sein. Dennoch wird er nicht genommen, wird als nicht gut genug empfunden und schafft es nicht zu den ganz Großen. Vielleicht lebt er in einer Traumwelt, in der er glaubt, dass er nur einmal die Woche trainieren müsste, um mit den Besten dieser Welt mithalten zu können. Er hat zwar sein Bestes gegeben, scheitert aber daran, weil seine Vorstellungen und die Wirklichkeit mehr oder weniger weit auseinander liegen.
Der Selbstmordattentäter, der zig Menschen in den Tod mitreisst gibt auch sein Bestes. Er hat zu lernen geglaubt, er tut damit was Gutes und kommt direkt zu Allah an einen heiligen Ort. Dennoch hat er etwas Grausames getan.
Wir alle können unser Bestes geben und dennoch kann es nicht reichen, andere verletzen, ja sogar Leben zerstören.
Darum geht es für mich in erster Linie nicht darum, ob wir unser Bestes geben, sondern viel wichtiger ist für mich die Frage, wie heil und gesund sind wir in uns selbst?
Wie gut und gesund sind wir mit uns, mit unserem Herzen, mit unserer Seele in Kontakt?
Wie weit sind wir in unserer Selbstreflektion, im Erkennen unserer Schattenseiten und im Verstehen um die Gesetze des Lebens und der Liebe?
Inwieweit haben wir unser Menschsein und das Leben verstanden?
Inwieweit ist es uns bewusst, was es heißt, gesunde Eltern zu sein und welcher Umgang ist mit unserem Kind wirklich das Beste für unser Kind?

Eine Auseinandersetzung mit diesen und anderen Fragen ist für mich absolut notwendig, wenn wir die Chance haben wollen, wirklich eine Familie aufbauen zu können, die im Kern heil, gesund, stabil, nährreich, förderlich und voller Liebe ist.

Gerade diese Auseinandersetzung bleibt bei vielen Eltern meiner Ansicht nach aus. Viele Eltern, Väter wie Mütter sind für mich sinnbildlich gesehen noch nie Auto gefahren (haben noch nie ein Kind gehabt) aber setzen sich ins Auto rein als wüssten sie, was zu tun ist (werden Eltern und fangen an ihrem Kind rum zu erziehen) und sagen sich, wird schon irgendwie schief gehen. Am Ende fahren sie den Karren an die Wand und alle sind Matsch (Das Kind ist völlig traumatisiert, steht neben sich und will nur weg von den Eltern und die Elten schauen ganz belämmert, verständnislos und ungläubig durch die Wäsche.)
Mit dem, was ich zu sehen glaube, gehen viele Väter oft gewissenhafter, pfleglicher und achtsamer mit ihrem Auto um, als mit ihrem Kind, und Mütter beschäftigen sich intensiv und hochkonzentriert mit dem Kuchenrezept, studieren die Anleitung extremst genau (soll ja eine ganz besonders schöne Sonntagstorte werden), während sie ganz nebenbei und ohne wirklichen Kontakt ihre Kinder wickeln, füttern oder es im Nebenzimmer schreiend im Gitterbett liegen lassen.
Während wir uns einerseits scheinbar in weltmeisterlicher Manier auf Unwesentliches vorbereiten, ist anderseits mein Eindruck, dass wir im Umgang mit unseren Kindern, vieles per lieb Dünkel machen, pi mal Daumen machen und wir wie kleine Kinder munter drauf los würzen. Ein bisschen von Klaps auf den Po, ein bisschen wir haben dich lieb, ein bisschen bestrafen, ein bisschen heute mal so, morgen mal so und fertig ist das Marmeladen, Merrettich, bunte Smarties Lachsgericht.

Kein Wunder für mich, wenn vielen Kinder ihre Familien dann nicht schmeckt.
Kein Wunder, wenn bei all dem Durcheinander in unseren Familien dann immer mehr dunkle Wolken darüber ziehen. Kein Wunder, wenn das Familienboot am kalten Familienklima zerschellt und untergeht. Es fehlt für mich einfach an vielem und besonders an ausreichend Liebe, Wärme, Verständnis, Wohlgefühl und guter Stimmung.

Was also können wir als Familienmitglied tun, mit dem einerseits wir wollen dabei sein, wir wollen dazugehören, wir wollen ein Teil davon sein und haben unsere Herkunftsfamilie lieb und auf der anderen Seite, wir halten die destruktive Familiendynamik, die Schwere, das Lebensfeindliche, was darin stattfindet nicht mehr aus?

Wenn für uns die familiäre Situation nicht mehr auszuhalten und unerträglich geworden ist, ist eine Möglichkeit von Lösung, die ich sehe, dass wir für uns als erwachsene Kinder einen Weg finden müssen, um das sinkende Schiff zu verlassen bzw. eine Weg finden müssen, sich von dem dunklen Familienschatten heraus zu bewegen.
Denn als Kinder, ob klein oder groß, haben wir aus meiner Sicht weder die Macht, tragen wir weder die Verantwortung, noch ist es unsere Aufgabe, unsere Herkunftsfamilie vor dem Untergang zu retten oder aus dem dunklen Schattendasein zu befreien. Die Familie gesund zu erhalten und gesund zusammen zu halten, kann für mich nur die Aufgabe der Eltern sein. Denn sie haben die Macht und sind die Könige in ihrer Familie.
Da meiner Ansicht nach viele Eltern diese Aufgabe noch nicht bereit sind zu erfüllen und ihre Macht als Könige viel zu wenig wirklich zum Wohle aller einsetzen, sondern selbstgerecht und eigensinnig mit ihrer Macht umgehen, finde ich, gilt es als Einzelner dafür zu sorgen, sein Leben zu befreien, auch wenn das heißt, die Menschen zurück lassen zu müssen, mit denen wir gerne unsere Zeit verbringen würden.
Das unser Leben befreien und die Herkunftsfamilie Zurücklassen ist für mich kein Handeln im Sinne von, ich mag euch nicht, so wie es leider denke ich die meisten zurück gebliebenen Familienmitglieder interpretieren, sondern es ist für mich ein Handeln im Sinne von, ich will nicht mit euch untergehen, ich will noch etwas wirklich Schönes, Tolles, Gutes vom Leben haben, ich will ans Licht und ich will noch wirklich leben.

Wir, die in einem destruktiven Familiensystem aufgewachsen sind und vielleicht immer noch darin leben, stehen meiner Ansicht nach vor der Wahl, bleiben wir und lassen wir uns vom Familienschatten erdrücken, bzw. gehen wir mit dem Familienboot unter oder sehen wir zu, unser Leben zu befreien. Bleiben wir, wird sich sehr wahrscheinlich nichts verändern, sondern wohlmöglich wird sich eher alles weiter verschlimmern. Gehen wir, kann das für alle Beteiligten eine Chance dafür sein, aus dem Trauma aufzuwachen, zu erkennen, so darf es nicht weiter gehen und ein Anfang sein, die Richtung so zu ändern, das Familienheilung geschehen kann.

1 Gedanke zu “Raus aus dem dunklen Schatten eines erkrankten Familiensystems bzw. das sinkende Familienschiff verlassen

  1. Ich habe mit 16 der Familie den Rücken gekehrt und bin damit die einzige die aus beiden Ahnenreihen mitgebrachte Gewalt und Missbrauch unterbrochen habe jetzt muss ich nur noch einen Weg finden das alles aufzulösen

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