Du bist nicht zu blöd

Wir bekommen oft von vielen Seiten zu hören, was wir einfach nur tun müssten, dass es uns besser geht, wir glücklicher sind, wir erfolgreich sind, wir über unsere Depression oder Liebeskummer hinwegkommen, wir den richtigen Partner oder einen besseren Job finden, oder, …..

Sie sagen uns, mach es doch einfach anders, denke positiv, glaub einfach an dich, sei einfach du selbst, vergiss deine Vergangenheit, deine unglückliche Kindheit, denn du musst nach vorne schauen, du musst dich ablenken, gehe shoppen, ins Kino oder Eis essen und du wirst sehen, es geht dir danach viel besser.
Vieler dieser Ratschläge sind oft nur weitere Schläge, die uns nach unten ziehen.
Warum?
Weil wir oft diese scheinbar so einfachen aber in Wirklichkeit für uns nutzlosen Tipps nicht in der Lage sind umzusetzen und uns noch weiter darin bestärken, wie unfähig und was für Deppen wir doch sind.
Wir sagen uns, „Es ist ja im Grunde alles so einfach und obwohl es so einfach ist, kriege ich trotzdem dies oder jenes nicht gebacken und hänge immer noch in der Scheiße“.
Niemand sagt uns, dass diese so brillant einfachen Ratschläge gar nicht so brillant einfach umzusetzen sind, besonders dann nicht, wenn unser Problem viel tiefer sitzt.
Manche Probleme von uns brauchen sehr viel Taktgefühl, Einfühlung, Verständnis, Achtsamkeit, die dem Ratschlag Gebenden oft verloren gegangen sind.
Manche Probleme von uns brauchen Menschen, die uns nicht mit billigen Worten der Aufmunterung und ihren Gedanken abspeisen, sondern die uns tief in unserem Problem, in unserem Leiden, in unserem Unglücklichsein sehen und verstehen. Menschen, die die Kunst des empathischen Zuhörens wieder erlernt haben.

Die Erfolgreichen sagen, nehme keinen Ratschlag von Menschen an, die nicht dort stehen, wo du hin willst.
Das alleine hilft natürlich nicht aber es hilft zumindest den einen oder anderen nutzlosen Ratschlag Gebenden auszumustern.
Haben wir nicht alle genug Ratschläge bekommen, die keinen Penny Wert waren und das von Menschen, die unwissentlich selbst am Rande des Abgrunds stehen und die ihre eigenen guten Ratschläge nicht befolgen?
Besonders in der spirituellen Szene blühen die Menschen richtig auf wenn sie einem Leidenden so tolle Ratschläge geben können (Ich war auch einmal einer davon, Schäm. Vielleicht bin ich, ohne es zu wissen, immer noch so einer, dann Doppelschäm). Dass sie damit den Leidenden noch tiefer nach unten reissen, ist ihnen leider aus zu wenig ausgebildeter emotionaler Intelligenz nicht bewusst.
Stattdessen wundern sie sich voller Unverständnis, wenn der andere immer noch leidet, obwohl sie ihnen doch gerade den genial einfachen Lösungsweg aufgezeigt und gesagt haben.

Keiner von uns ist zu dumm, zu unfähig, zu blöd wenn die genialen einfachen Ratschläge bei uns nichts helfen. Ganz einfach darum, weil es für unsere tiefsten, innerlichen seelischen Wunden, Verletzungen und Traumata mehr braucht als nur schnelle Lösungsvorschläge. Nämlich Menschen die wirklich zuhören können, Menschen die unser Leiden wirklich sehen und verstehen und Menschen mit Herz, mit Empathie und emotionaler Intelligenz.

Ich denke, nur sehr wenige Menschen haben so einen Menschen an seiner Seite, aus dem einfachen Grund, weil es solch einen Schlag an Menschen noch viel zu wenig in unserer Welt gibt.
Aber ich denke auch, dass es sie gibt und dass, wenn unser Herz dafür offen ist, wir Menschen in unser Leben ziehen werden, die sich sehr heilsam auf unsere Seele und unser Leben auswirken bzw. auswirken können.
Also.
Du musst dich nicht schlecht fühlen, nur weil alle um dich herum sagen geh raus und erfreue dich an dem herrlichen sonnigen Sommertag und du es aber nicht schaffst, weil dich etwas innerlich tief bedrückt. Stattdessen, wenn du magst, probiere einmal, ob du es dir erlauben kannst und sogar genießen kannst, dass du nicht raus gehen musst, nur weil die Sonne scheint und du genussvoll unter deine Decke kriechst, wo du vielleicht mit tiefer Traurigkeit, mit tiefer Einsamkeit, mit tiefer Entspannung, mit tiefem Aufatmen, mit …. in Kontakt kommst.

In diesem Sinne wünsche ich euch an einem wunderbaren Sommertag eine schöne Zeit zu Hause, tief vergraben unter der Decke, mit all den Gefühlen, die da auftauchen mögen.

 

10 Gedanken zu “Du bist nicht zu blöd

  1. Schönen Dank für diesen sehr guten Beitrag.

    Für einen Außenstehenden, dem es gut oder besser geht, ist es immer einfach, einen guten Ratschlag zu geben. Dabei möchte ich natürlich den Ratgebenden eine gute Absicht nicht absprechen. Manches Mal wäre aber sicher die Sensibilität gefragt, in Hinsicht auf nicht verstandene Probleme, einfach keinen Kommentar abzugeben.

    Den Spruch den Jahrhunderts habe ich vor ein paar Tagen zu hören bekommen: „Wenn Du im Loch stehst, höre auf zu graben und wenn Du in einer Seifenblase stehst, höre NICHT auf zu pusten“.

    • Hallo Dieter, herzlichen Dank für deine Rückmeldung und es freut mich, dass dir mein Beitrag gefällt.
      Ich finde, das sind wirklich so Sahnestücke eines Ratschlages, den du da schreibst. Ich kannte ihn bis dato nicht und werde ihn auch gleich wieder vergessen. 😉

  2. Danke für den Beitrag.
    Mir geht es im Moment genau so. Ich habe viele tolle Ratschläge bekommen, die ich versucht habe um zu setzen. Viele waren davon wirklich gut, und haben bei ihnen selber auch funktioniert. Nur leider bei mir nicht. Ich habe auch immer das Gefühl, wenn ich mit meinem Partner über meine Probleme rede werden sie nur noch schlimmer. Das war früher aber anders. Im Moment habe ich noch nicht mal mehr die Kraft mich gegen irgend etwas zur wehr zu setzen. Ich lasse das Schiff einfach nur noch sinken. Ich habe keinen Willen mehr obwohl ich früher einen extrem starken Willen hatte. Ich weiß nicht was passiert ist, oder was sich in mir verändert hat. Es ist alles so negativ geworden. Vllt hängt das auch mit dem Wissen über diese Welt und Erde zusammen. Ich kann oft mit meinem Wissen nicht umgehen. Ich habe schon aufgehört mich über Dinge die passieren zu informieren, ich schaue kein Fernsehen mehr und ich informiere mich auch auf alternativ Seiten nicht mehr, und dennoch habe ich das Gefühl ich komme aus dieser Depression nicht hinaus. Aber der Artikel macht mir wieder ein bisschen Mut. Er spricht mir aus der Seele, dankesehr.

    • Liebe Kathrin,

      herzlichen Dank für dein Kommentar und es freut mich, wenn dir mein Beitrag etwas Ermutigung schenkt.
      Ich denke ich verstehe dich mit deiner Lebenskrise (ich nenne es mal so) ein Stückweit und finde es sehr schade, dass du dich mit deinen Problemen bei deinem Partner nicht gut aufgehoben fühlst.
      Vielleicht ist dein Freund damit überfordert und stößt an seine Grenzen von Verständnis, was für mich nichts daran ändert, dass ich es wichtig finde, dass wir Menschen haben, wo wir über unsere Probleme reden können und dort auf Verständnis treffen.
      Leider werden meiner Beobachtung nach in vielen Familien und generell in unserer Gesellschaft Menschen, die ernstzunehmende seelische Probleme haben oder sich in einer Lebenskrise befinden, oft nicht ernst genommen und werden mit ein paar guten RatSCHLÄGEN abgespeist. Nach dem Motto „jammere nicht rum und stell dich nicht so an“.
      Umso mehr wünsche ich dir, dass DU DICH mit deinen Problemen ernst nimmst und dass du Menschen für dich findest, die dich in deiner Haut verstehen, die dich in deiner Krise wirklich ernst nehmen und die dir helfen, wieder festen, gesunden und nährreichen Boden unter deine Füssen zu bekommen.

      Alles Gute für dich
      Norbert

  3. Lieber Norbert,
    vielen Dank für diesen Artikel. Da hast Du sehr schön beschrieben, was eine wirkliche Hilfe sein kann: (Selbst-)Mitgefühl! Um einen dieser empathischen Menschen zu finden, müssen wir jedoch nicht „unsere Herzen weit auf machen“ damit „wir so einen Menschen in unser Leben ziehen“. Denn das wäre ja schon wieder ein RatSCHLAG und ein Anspruch, an dem man versagen kann. Nach dem Motto: „Wenn mich niemand sieht, liegt es wohl an mir, weil ich mein Herz nicht weit genug öffnen kann.“ Nein, es gibt diese Menschen- sogar sehr sehr viele! Sie heißen Therapeuten! 😉
    Herz-liche Grüße von
    Sandra

    • Liebe Sandra,

      ich sage auch herzlichen Dank für deinen Kommentar. Er gefällt dir teilweise. Das freut mich zu lesen:-)
      Das mit dem Herz weit aufmachen finde ich gut, dass du das ansprichst. Ich habe es in dem Sinne korrigiert, dass ich finde, es geht nicht ums „weit“ aufmachen, sondern um das bewusste oder unbewusste offen und bereit sein für eine heilsame Erfahrung mit dem DU, mit einem Therapeuten usw.
      Ich sehe es nicht als einen Ratschlag von mir, sondern es ist meine Erfahrung und Ansicht, dass wenn wir, bewusst oder unbewusst nicht offen sind für eine heilsame Erfahrung, sondern wir z.b. eine unbewusste Tendenz zur Selbstzerstörung haben, wir uns Freunde, Therapeuten ect. aussuchen, die sich genau so verhalten, wo wir z.b. wieder die Erfahrung machen, „mich versteht niemand“.
      Hinzu kommt, dass ich es anzweifle, dass es sehr viele Therapeuten gibt, die auch in der Lage sind, wirklich tief zu verstehen und ausreichend in Kontakt mit ihrem emphatischen Herzen sind.
      Schließlich haben für mich Therapeuten etc. auch eine Kindheit mit negativen Prägungen etc. hinter sich, die meiner Ansicht, oft unreflektiert im Dunklen schlummern und wo ich glaube, dass sie nicht all zu selten beim Klienten dann unbewusst ausgelebt werden. Alice Miller beschreibt das in ihren Bücher für mich sehr gut.

      Liebe Grüße
      Norbert

  4. Es sind nicht die Worte die uns erreichen, schaden oder gut tun. Es ist das was wir zwischen den Worten und Zeilen lesen. Es sind nicht die Ratschläge die wir hören, sondern das was wir empfinden, spüren und fühlen. Doch manchmal sind wir so sehr in uns gefangen, dass wir alles ausweglos interpretieren uns hoffnungslos verloren fühlen, einsam und allein. Es fühlt sich noch schlimmer an als allein zu sein, wir haben das Gefühl nicht zu sei, leblos. Es fühlt sich an als gäbe es nichts als Schmerz und Elend das wir fühlen. Es ist unser Schmerz und unser Elend. Also gibt es da noch etwas das uns ausmacht, das wir selbst sind. Weitgehend haben wir den Kontakt zu uns selbst verloren, hilflos, kaum noch Hoffnung auf Erlösung. Erbarmungslosigkeit und Eiseskälte lässt uns nur noch Schmerz und Elend empfinden. Es gibt einen Ausweg der uns im ersten Moment herzlos und brutal erscheint. Wenn wir mit unseren Schmerz und unserem Elend Kontakt aufnehmen anstatt uns dagegen aufzubäumen und versuchen zu entfliehen. Alles was uns von uns noch geblieben ist, ist unser Elend. Wenn wir akzeptieren können dass von nirgends Hilfe kommt und wir auf uns selbst angewiesen sind haben wir einen entscheidenden ersten Schritt getan. Hinter und in unserem Elend und Schmerz verbirgt sich alles, unsere Wünsche, unsere Hoffnungen, unsere Erwartungen, unsere Sehnsucht, unsere Forderungen an unser Leben. Erinnerungen, Erfahrungen, Dunkelheit und Schmerz. Aber auch unser Herz, klitzeklein unser Licht und unsere Liebe. Versteckt und tief vergraben. Wir müssen nichts tun als zuzulassen was sich uns zeigen und offenbaren will. Auch wenn es sich wie die Hölle anfühlen mag, wir sind am Leben solange wir fühlen können und Atmen. Unser Atem kann Unterstützung und Hilfe sein wenn wir uns auf ihn konzentrieren, immer dann wenn wir glauben es nicht mehr auszuhalten. Wir spüren wie wir etwas ruhiger werden, wir spüren es bewegt und verändert sich.
    Kein Therapeut, kein Mensch und auch nicht Gott kann uns helfen, wenn wir es nicht zulassen, wenn wir uns ängstlich an das bisschen Klammern was wir noch von uns spüren können. Erst wenn wir beginnen uns selbst wieder ein wenig zu vertrauen, können wir dies auch nach außen tragen. Der beste Therapeut kann uns keine Zufriedenheit schenken. Er kann uns jedoch ein Stück weit wieder auf unsere eigenen Füße stellen um Boden unter den Füßen zu spüren. Es liegt jedoch an uns allein ob wir weiter machen wie gewohnt, sobald Elend und Schmerz nachlässt oder ob wir ernsthaft Veränderung suchen, ob wir Zufriedenheit, Glück und Liebe erleben wollen. So oder so ist es allein unsere Entscheidung, unsere Aufgabe, unser Handeln und sein. Liebe und Mitgefühl ist kein Märchen auch wenn es am Anfang sich hart und erbarmungslos anfühlt.

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