Kinder, die gehen, machen es sich zu einfach

Immer wieder höre ich, wie Eltern darüber klagen, dass es sich Kinder zu einfach machen, wenn sie sich von ihnen distanzieren. Sie beschweren sich darüber, dass man ihnen nicht einfach alle Schuld geben kann und sehen sich in der Rolle des Opfers. 
Sie als Eltern, die für ihr Kind immer nur das Beste wollten und ihrem Kind hätten nie etwas zu Leide tun können, geraten auf einmal in Kritik und sehen ihr gutes Elternbild in Gefahr.
Man möge als Eltern Fehler gemacht haben, aber die machen doch alle Eltern, so sagen sie. Schenkt man den Eltern Glauben, wird ihnen durch das Gehen des Kindes ein großes Unrecht angetan und sie scheinen wirklich das Opfer zu sein.

Wenn ich so etwas höre oder lese, fällt mir immer wieder ernüchternd und teilweise auch erschreckend auf, dass es in keinster Weise wirklich um ihr Kind zu gehen scheint, sondern nur um sie und ihre Verletzungen, ihr Schmerz, ihr Bedürfnis und ihr Bild, als gute Eltern gesehen zu werden. Sie denken, ich bin als Mutter, ich als Vater, von meinem Kind so verletzt worden, so enttäuscht worden und so zu Unrecht verlassen worden.
Ihnen scheint für mich jegliches Verständnis und jegliches Gespür für die Gründe des Kindes zu fehlen, und sie können sich nicht vorstellen, dass ihr Kind gegangen ist, weil es unter ihrem elterlichen Verhalten gelitten hat und dass sie tiefe Wunden hinterlassen haben. Sie scheinen keine Ahnung davon zu haben, dass das Gehen für das Kind alles andere als einfach war und ist.
Stattdessen leben sie in der Vorstellung, alle Eltern machen doch Fehler und es kann wohl nicht so schlimm gewesen sein, dass ihr Kind einen Grund hat, ihre Nähe zu meiden. Sie leben in dem Glauben, dass sie schließlich die Eltern sind und ihr Kind kein Recht dazu hat, sich von ihnen zu distanzieren. Ihr Kind soll über ihre ein paar wenige Fehler hinweg schauen und ihnen einfach vergeben. Denn das ist glaube ich das, was ihrer Meinung nach ein gutes Kind, ein guter Sohn, eine gute Tochter aus Liebe zu seinen Eltern macht. Ihrer Ansicht nach kehren gute Kinder Eltern nicht einfach den Rücken.
Sie sehen in keinster Weise, dass ihr Kind ihnen nicht einfach den Rücken gekehrt hat, sondern so schwere seelische und teilweise auch körperliche Wunden und Verletzungen durch ihr elterliches Verhalten davon getragen hat, dass es den Schritt des Gehens nicht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt hat, sondern meist viele, viele Jahre damit innerlich gerungen und gekämpft hat.
Sie scheinen absolut keine Ahnung davon zu haben, durch welche innere und äußere Hölle ihr Kind all die Kindheits-, Jugend- und Erwachsenenjahre gegangen ist, bevor es aus einem Überlebensinstinkt und Lebenstrieb heraus allen Mut zusammengefasst hat, um dem destruktiven, negativen und zerstörerischen Elternhaus entkommen zu können.

Das Kind ist aus meiner Sicht nicht einfach gegangen, sondern es wollte nach all den Jahren des Leidens endlich raus aus der dunklen und schwer belastenden Gefühls- und Familienwolke, die das Energiefeld der Familie die meiste Zeit umgeben und beherrscht hat.
Schauen wir genau hin, können wir vielleicht erkennen, dass es bei dem ganzen Drama, das verlassene Opfereltern initiieren, viel darum geht, dass sie mit ihrer dunklen, schweren, leidvollen, depressiven Stimmung nicht alleine sein wollen und sie ihr Kind deshalb zurückhaben wollen, um ihre Negativität, ihren Frust, ihre Enttäuschung, ihre Wut, ihre Giftigkeit, die sie in sich tragen, weiter auf ihr Kind abladen können. 
Sie wollen ihr Kind meiner Ansicht nach nicht deshalb zurück, weil sie es unendlich lieben, weil ihr Kind ihnen überaus wichtig ist und weil sie an dem Leben ihres Kindes ganz uneigennützig teilhaben wollen und interessiert sind. Nein, ich denke sie wollen ihr Kind zurück, um jemand Entlastenden für ihr eigenes inneres Leiden zu haben. Und was bietet sich besser dazu an, um all sein Leiden, all seinen Frust, all sein Unglücklichsein, all seine Wut und all seine Schmerzen abladen zu können? Am besten natürlich ein Wesen, welches einem ganz wehrlos, hilflos und vollkommen abhängig ausgeliefert ist. Ein Kind wird geboren.
Dumm nur, und was jene Eltern vergessen einzukalkulieren ist, dass ihre Kinder älter werden, gehen können und ihnen eines Tages die Quittung dafür geben, indem sie sie vielleicht aus ihrem Leben streichen.

Das Gehen des Kindes ist aus meiner Sicht für die Eltern in dem Sinne ein Verlust, weil ihr Kind für ihre innere Dunkelheit nicht mehr als Müllabladestation zur Verfügung steht.
Es gibt aber für mich noch einen weiteren Grund, warum das Kind den Eltern wichtig ist, und zwar der Grund, dass Eltern durch das Kind das Gefühl haben, einen Sinn im Leben zu haben und wichtig, wertvoll und bedeutungsvoll zu sein. Das allerdings trifft meiner Beobachtung nach mehr auf die Mütter zu als auf die Väter. Es ist daher für mich nicht verwunderlich, dass es größtenteils die Mütter sind, die das Gehen des Kindes stark trifft, verletzt und die sich zu Wort melden.
Denn gerade für eine Mutter ist es, denke ich, ein großer Verlust ihrer Sinn- und Wertidentität, wenn ihr Kind nichts mehr mit ihr zu tun haben will. 

So versuchen die Mütter meiner Ansicht nach, ihr Kind auf verschiedene Wege wieder zurück zu gewinnen. Hauptsächlich versuchen sie meiner Beobachtung nach ihr Kind dadurch zum Umdenken zu bewegen, indem sie versuchen, ihrem Kind Schuldgefühle und schlechtes Gewissen einzureden und indem sie von oben herab klar machen wollen, dass es falsch liegt und sie als Mutter richtig ist, unschuldig ist und nichts Gravierendes falsch gemacht hat. Im Sinne von, „Mein liebes Kind, du wirst schon sehen und eines Tages deine Fehler erkennen und dann bei mir reuevoll vor der Türe stehen und dich bei mir entschuldigen.“ So die idealisierte Wunschvorstellung der Mutter. Oder sie versuchen ihr Kind mit was auch immer zu erpressen.
Gelingt das nicht, haben Mütter weitere Strategien, die sie einzusetzen wissen. Zum Beispiel, indem sie ihre Giftpfeile erst einmal beiseite legen und auf Kuschelkurs gehen. Anfänglich wirken sie auf einmal nett, verständnisvoll, großzügig, doch ist der Fisch erstmal wieder am Hacken, kommt es oft dazu, dass die Krallen der Mutter allmählich wieder spürbar nach außen gefahren werden und in das Kind schmerzvoll eindringen.
Da ein kleiner Seitenhieb, da ein leichter Vorwurf, da eine verdeckte oder offen ausgesprochene Erniedrigung und die Mutter fängt wieder an, ihr Kind so zu behandeln, wie zuvor.

Eltern, die ihr giftiges Verhalten nicht reflektiert haben, die ihr Verhalten nicht verstanden haben, die ihr Verhalten nicht eingesehen und die sich nicht eingestanden haben, was sie bei ihrem Kind angerichtet haben, erkennt man aus meiner Sicht gut daran, dass es, nachdem ihr Kind sich wieder angenähert hat, schon bald mit den Nettigkeiten zu Ende ist und die alten verletzenden Verhaltensmuster zu Tage treten. Sie halten es einfach nicht lange aus, zu ihrem Kind wirklich tief gut, nett und liebevoll zu sein und schon bald macht das giftige Innere der Mutter wieder Druck und will an die Macht. 

Für mich ist es ja nicht so, dass ich den guten Willen von Eltern nicht sehe. Nein (und wie ich auch schon in anderen Artikel geschrieben habe), ich bin davon überzeugt, dass es Eltern in Bezug zu ihrem Kind wirklich gut machen wollen und ich sehe, wie Eltern danach dürsten, dass sie als gute, liebevolle, tolle Eltern angesehen werden. Nur leider sehe ich für mich auch, dass Eltern ihre eigene ungeheilte und schwer belastende Kindheitsgeschichte mit sich herumschleppen und die dann den Raum der guten Elternabsichten massivst verschluckt. Am Ende bestimmt dann mehrheitlich das elterliche giftige Verhalten die familiäre Atmosphäre. Das Unglück nimmt seinen Lauf.

Kommen wir zum Schluss und summieren wir das Erleben des Kindes mit dem Verhalten seiner Eltern, können wir denke ich zuverlässig zu dem Fazit kommen, dass ein Kind, welches sich von den Eltern distanziert, es sich ganz sicher nicht einfach macht und es nicht einfach hat.
Wenn es sich jemand zu einfach macht, dann für mich die Eltern, indem sie sagen, dass ihr Kind es sich zu einfach macht ohne sich je wirklich in die Welt ihres Kindes begeben zu haben und indem sie sagen, alle Eltern machen Fehler, ohne sich wirklich ihre Fehler bewusst gemacht zu haben. 


Ich freue mich über Ihre Wertschätzung und Unterstützung:

DANKE!

1 Gedanke zu „Kinder, die gehen, machen es sich zu einfach“

  1. Lieber Norbert
    ich kann Dir nur zustimmen. Es gibt sogar Therapeuten und andere „Unterstützer“, die erwachsenen Kindern abraten, den Kontakt zu ihren Eltern abzubrechen, und natürlich – den Eltern zu vergeben. Das ist zu einfach. Es gibt viele Eltern, die das Leben ihrer Kinder auch im Erwachsenenalter noch zur Hölle machen, weil sie nicht fähig und willens sind, sich selber und ihr Verhalten zu hinterfragen. Meine Eltern sagten mir nach einem 2 Jahre andauernden Kontaktabbruch: „diese Pause hat dir gut getan, du konntest nachreifen.“ Leider haben sie selber aber keine Minute investiert, um ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen. Und dann geschah, was Du beschreibst: langsam, langsam wurden die Krallen ausgefahren, bis es wieder soweit war: ihre hässliche Destruktivität kam wieder zum Vorschein. Da auch dieses Mal der Versuch, der Problematik anhand von Gesprächen auf den Grund zu kommen, kläglich scheiterte, habe ich die Reissleine gezogen. Es tat verdammt weh… der Schmerz hat mich innerlich beinahe zerrissen. Aber ich konnte nicht mehr, ich wäre sonst zugrunde gegangen. Je länger die unlösbaren Konflikte schwelten, desto öfter dachte ich daran, mir selber ein Ende zu setzen. Ich hielt den Hass, den sie auf mich haben, einfach nicht mehr aus, denn ich war ihren Hasstiraden, Demütigungen und Drohungen einfach ausgeliefert. Wie lange muss das ein Mensch über sich ergehen lassen? Hat denn ein Mensch nicht das Recht, sich gegen Misshandlung zu wehren – notabene Misshandlung durch die eigenen Eltern? Ich habe selber zwei Kinder und einen guten, treuen Ehemann- 3 sehr gute Gründe, am Leben zu bleiben und endlich mit meinen Eltern abzuschliessen! Alle Eltern, meine inklusive, die sich über ihre „treulosen“ Kinder beschweren, haben nicht begriffen, dass sie selber verantwortlich sind für ihr Lebensglück – und NICHT ihre Kinder. Lebt wohl, liebe Eltern. Vielleicht irgendwo, irgendwann, wer weiss. Aber nicht mehr auf dieser Erde. Es ist MEIN Leben! Alles Gute allen, die gehen. Alles GUTE und viel guten MUT! liebe Grüsse, Simone

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