Warum ich denke, dass Vergebung für uns eine Falle sein kann

„Man kann (giftigen) Eltern vergeben,
aber besser am Ende und nicht zu Beginn des emotionalen Hausputzes.“
(Susan Forward)

Als ich mich vor etlichen Jahren auf meine spirituelle Suche machte, war eine Sache immer wieder sehr präsent und zwar „Ich muss vergeben, wir müssen vergeben“.
Meine Beobachtung dabei war und ist, dass uns von vielen Seiten das Vergeben müssen immer wieder wie ein Mantra an uns herangetragen wird und dass die Vergebungsprediger uns weiß machen wollen, dass wir ohne vergeben zu haben, nie wirklich glücklich werden können, geschweige denn Frieden finden können.

Lange Zeit dachte ich auch, wie wichtig und unabdingbar es ist, dass wir erst mal, besonders unseren Eltern, vergeben müssen, damit unsere Wunden heilen können, damit Frieden in unserem Herz einkehren kann und damit wir unbeschwert glücklich sein können.

Ich beschäftigte mich intensiver mit dem Vergeben und fand einige Bücher dazu, die alle irgendwie Sinn machten und mich tiefer verstehen ließen.
Aber trotz aller Vergebungen, die ich besonders in Richtung meiner Eltern durchführte, ging es mir zwar scheinbar kurzzeitig besser, dann jedoch ging es mir um ein vielfaches wieder schlechter, was bis hin zu Depressionen ging.
Ich verstand die Welt nicht mehr und mir war nicht klar, was da bei mir schief lief.

Auch heute sehe ich Menschen, die gerne von Vergebung predigen und ich sehe Menschen, die scheinbar vergeben haben, aber auf mich nicht wirklich den Eindruck machen, dass sie glücklich sind oder dass sie Frieden gefunden haben.

Über hartnäckiges Suchen fand ich bei mir und für mich heraus, dass Vergebung zu dem Zeitpunkt meines damaligen Entwicklungsstandes, sich stark selbstzerstörerisch und destruktiv auf mich und meinen Heilungsprozess auswirkte.

Susan Forward, die das Buch, „Vergiftete Kindheit: Elterliche Macht und ihre Folgen“ geschrieben hat und was ich wirklich wärmsten empfehlen und ans Herz legen kann, schreibt darin.
„Man kann (giftigen) Eltern vergeben, aber besser am Ende und nicht zu Beginn des emotionalen Hausputzes“.
Das brachte es für mich auf den Punkt und ich verstand den Grund, warum Vergebung meinen traumatischen Zustand nur verschlimmerte.
Denn in mir waren ganz andere Gefühle vorhanden, die viel wichtiger und vordergründiger waren anzuschauen, als die Falle der Vergebung, mit der ich fast untergegangen wäre.
Gefühle kamen an die Oberfläche, die ich in meiner Kindheit um meines Überlebenswillens zutiefst verdrängen und unterdrücken musste und von denen ich gar nicht mehr wusste, dass sie existierten. Gefühle wie eine unbändige (Mords)Wut und Zorn auf meine Eltern, Gefühle von großer Traurigkeit, von großem seelischen Schmerz, besonders von dem Schmerz einer nie gehabten glücklichen, erfüllten und schönen Kindheit.
Als sich meine Türen zu diesen und anderen Gefühlen öffneten, wurde mir klar, dass das gepredigte Vergeben sollen uns eher dazu bringt, dass wir weiterhin die braven, versöhnlichen Kinder spielen. Kinder, die vernünftig sind und sagen, dass sie wissen, dass ihre Eltern sie lieben, auch wenn sie grausam waren und dass sie ihr Bestes gegeben haben und es nicht anders wussten.
Ich habe den Eindruck, dass es bei der Vergebung teilweise darum geht (ohne den Vergebungspredigern böse Absichten unterstellen zu wollen, da sie vielleicht auch teilweise in der Vergebungsfalle sitzen), unsere Eltern zu entschuldigen, um ihnen die Last der Verantwortung zu nehmen und darum, dass wir sie unwissentlich auf uns laden und sie somit für unsere Eltern weiter tragen. Was wiederum aus dieser Unwissenheit heraus dazu führt, dass wir gar nicht anders können, als diese Last dann an unsere eigenen Kindern weiterzugeben.
Ausserdem wurde mir klar, dass das Vergeben sollen einerseits für mich überbewertet ist, anderseits für mich nicht zwingend für unseren seelischen Frieden notwendig ist und wir wohlmöglich am besten vergeben können, wenn wir wirklich in unserem ganz eigenen Glücksleben angekommen sind.
In dem Buch von Susan Forward, drückt es eine Klientin so aus.
„Vermutlich will Gott eher, dass es mir besser geht, als dass ich vergebe.“

Aus diesem Grund bin ich der Meinung, dass es für uns viel heilsamer sein kann, wenn wir unseren Fokus nicht auf die Vergebung legen, sondern darauf, dass wir dafür Sorge tragen, dass wir das Leben leben, das uns glücklich macht (wenn unser inneres Kind endlich wütend auf Mama oder Papa sein darf, kann uns das meiner Erfahrung nach, auch glücklich machen), dass wir das Leben leben, das unserem Wesen entspricht und dass wir das Leben leben, das mit unserem Seelenplan übereinstimmt.
Vermutlich kommt dann das Vergeben ganz natürlich und von selbst, ohne dass wir unser inneres Kind zur Vergebung hin zwingen oder sogar hin prügeln müssen.

Meine Message, die ich hier abgebe, ist besonders für die Menschen gedacht, die in der Vergebungsfalle fest sitzen und die unter dem leidvollen Glaubensdruck leben, erst mal unbedingt vergeben zu müssen, damit sie dann auch glücklich sein dürfen.
Wir brauchen uns denke ich gar nicht zu sehr um das Vergeben bemühen. Was ich denke was wir erstmal viel wichtiger brauchen, ist die Chance und den Raum dafür, dass wir auf unsere Eltern zutiefst wütend sein dürfen, die Schmerzen spüren dürfen, die wir in unserer Kindheit erlebt und erlitten haben und all die anderen Gefühle spüren dürfen, wie Angst, beschämt sein, Ohnmacht,…

Viele von uns hatten als Kind nie die Möglichkeit wirklich Wut gegenüber ihren Eltern ausdrücken zu können und viele von uns erlebten stattdessen eine große Ohnmacht, weil wir gegen unser Eltern nie ankommen konnten und absolut keine Chance hatten.
Heute sind wir nicht mehr der kleine hilflose und ohnmächtige Junge, das kleine hilflose und ohnmächtige Mädchen und wir können uns erlauben, zutiefst sauer und wütend auf unsere Eltern sein zu dürfen.
Das heißt nicht, dass der kleine Junge, das kleine Mädchen in uns, das Gefühl nicht mehr hat, dass es gegenüber den Eltern klein, hilflos und ohnmächtig ist. Nein, das Kind in uns spürt immer noch diese Gefühle, auch das Gefühl der Angst in Bezug zu seinen Eltern, selbst dann, wenn wir 60 Jahre alt sind.
Was heute anders ist, ist, dass wir volljährig sind, wir selbstbestimmend sind, wir stark genug sind und wir uns Hilfe holen können, um uns von diesen negativen Anteilen unserer Eltern befreien zu können und um die vergangenen Kindheitswunden heilen lassen zu können.

Dabei will ich gesagt haben, dass es für mich nicht darum geht, dass wir uns mit unseren Eltern auf einen Schlagabtausch einlassen, sie mit all unserer Wut bombardieren und sie bis zum geht nicht mehr anschreien. Nicht nur weil ich es nicht für hilfreich finde, sondern weil wir mit großer Wahrscheinlichkeit unseren Eltern gegenüber weiterhin keine Chance haben werden, erneut ihnen gegenüber Ohnmacht erleben werden. Warum? Weil sie sich in der Regel wie immer im Recht fühlen werden und sehr wahrscheinlich nicht dazu bereit sein werden Einsicht zu zeigen.
Sie mit ihrem lieblosen elterlichen Verhalten zu gegebener Zeit zu konfrontieren, ist eine andere Sache und ist meiner Meinung nach irgendwann, wenn wir in uns genug an emotionaler Stabilität gewonnen haben, auch dran.

Aber ich bin  der Ansicht, dass wir uns erstmal um die Gefühle kümmern sollten, die wir lange Zeit haben unterdrücken müssen und die heute weiterhin den Fluss unserer Lebensenergie behindern.

Wie auch immer, ich glaube, damit wir unsere Eltern-Kind Wunde heilen können, brauchen wir Mut und die Bereitschaft, das dunkle Verhalten unserer Eltern anzuerkennen und dass wir damit aufhören, es zu verniedlichen, abzuschwächen oder zu beschönigen.
Denn sonst laufen wir denke ich Gefahr, dass wir die dunklen Verhaltensmuster unserer Eltern unbewusst weiter mit uns herumtragen werden, wo wir dann uns, unsere Partner, unsere Kinder und unsere Umwelt mit großer Wahrscheinlichkeit damit vergiften werden.

 

P.S. Vielleicht magst du dich auf ein Experiment einlassen und einfach mal auf die Vergebung oder auf das „vergeben müssen“ pfeifen. Falls du es vermissen solltest, kannst du dir es ja wieder zurückholen.
Falls du aber bemerkst, dass ein gewaltiger Druck von dir abfällt und Erleichterung bei dir breit macht, dann erfreue dich daran und genieße die Erleichterung wenn du magst. 😉

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25 Gedanken zu “Warum ich denke, dass Vergebung für uns eine Falle sein kann

  1. Hallo Norbert,

    ein berührender Artikel den du hier geschrieben hast. Unbequem aber ja stimmt irgendwo. Auch wenn mein Inneres gerade nicht gänzlich da mitgehen will.

    Unsere Eltern tragen ihre Päckchen und wie du schon schreibst geben sie diese auch unbewusst weiter. Egal wie wir unseren „Versöhnungsprozess“ durchleben, irgendwo muss der Cut stattfinden, damit wir es nicht an unsere Kinder weitergeben (ich bin 29 und habe noch keine).

    Mich tröstet es oft, das die Verletzungen die wir spüren, durch uns selber entstehen durch unser eigenes Wertungssystem. Unsere Eltern haben ein anderes Wertungssystem, ein anderes Weltbild und wie man es im NLP sagt, eine eigene Landkarte, mit der sie ihre Welt sehen. Haben wir jedoch eine andere Landkarte, so treffen zwei Welten aufeinander und führen zu Reibungspunkte wo dann Vulkane und Erdbeben entstehen. Oder anders ausgedrückt. Eltern sind wie Hunde, Kinder wie Katzen (oder umgekehrt).

    Doch oft entsteht wirkliches Verstehen wenn die Eltern nicht mehr da sind und lange fort sind, so können wir womöglich wahrlich vergeben, verzeihen, versöhnen, was uns meist zu ihren Lebzeiten nicht möglich war.

    Ich hoffe für die die noch Eltern haben, das dies natürlich zu Lebzeit noch entsteht, aber wie du schon schreibst, man muss es sich oder seinem inneren Kind nicht mit Gewalt einprügeln, sondern das Thema behandeln, wenn es reif ist, wenn wir bereit sind, wenn die Heilung kommen will.

    Oft erlebe ich das, auch bei mir selbst, das wir den Konflikt, ob es die Eltern sind, Freunde, Politik, Krankheiten, gar nicht loslassen wollen, weil wir uns durch sie identifizieren, weil sie Teil unserer Geschichte unserer Identität darstellen. Aber was wäre, wenn wir „unsere Geschichte“ gehen lassen dürfen?

    Danke für deinen Beitrag, den ich in der nächsten Zeit etwas auf mich wirken lasse.

    In Liebe

    Artemis

    • Liebe Artemis,
      lieben Dank für dein Kommentar und deine Gedanken. Sie gefallen mir.

      Das Bild Hund und Katze finde ich gar nicht schlecht, wobei Eltern in meinen Augen doch eher von oben herab sich ihren Kindern gegenüber verhalten, anstatt ihren Kindern auf Augenhöhe zu begegnen.
      Ich weiß nicht ob wir eher bereit sind zu verstehen, wenn die Eltern nicht mehr da sind.
      Ich glaube mehr, dass wir am besten loslassen können, wenn wir in uns selbst uns wohl, geborgen und geliebt fühlen und wenn wir in unserem Leben angekommen sind, das unserem Wesen, unserem Herzen entspricht.
      Was wäre wenn wir unsere Geschichte gehen lassen dürfen, fragst du?
      Diese Frage finde ich ist eine sehr gute, große und wesentliche Frage.
      Ich lasse sie mal so stehen, damit auch andere Leser sich darüber Gedanken machen können.

      Herzliche Grüße
      Norbert

  2. Mensch, Norbert!

    Ich bin sooo froh, dass ich gestern zufällig über einen geteilten Beitrag von Dir und zwar „Warum ich denke, dass Vergebung eine Falle für uns sein kann“ gestolpert bin, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen!
    Ich habe mich jetzt gerade durch Deine sämtlichen Beiträge gelesen und bin ganz bei Dir und vor allem erleichtert, dass es noch einen gibt, der meine Fühlweise teilt :)!
    Kann sein, dass ich mich demnächst ausführlicher äußere, wenn ich darf, so viel soll jedenfalls schon einmal gesagt sein:
    Coaches und Therapeuten, die gebetsmühlenartig die Vergebung predigen, das „hier und jetzt“, das Leben ist schön, einfach nur mal eben schnell die innere Einstellung ändern etc., sind sofort zu verlassen, wenn man merkt, dass man immer mehr anfängt, an sich selbst zu (ver-)zweifeln.
    Danke für Deine sämtlichen Beitrage!

    Good luck und ein schönes Wochenende!!! Und vielleicht bis bald…

    • Liebe Mirjam,

      dass dir meine Beiträge so gefallen und zu Erleichterung bei dir führen, freut mich sehr zu lesen. 🙂 Vielen Dank für diese erfreuliche Rückmeldung. Mich interessiert noch, was dich bei dem Vergebungsartikel so froh gestimmt hat. Freu mich, wenn du mir das noch mitteilen magst, sowie deine ausführlichen Äußerungen.

      Ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende

      Alles Liebe
      Norbert

      P.S. Wenn du deine Nachricht nicht öffentlich haben willst, weil sie vielleicht zu sehr ins Persönliche geht, benutze bitte das Kontaktformular. Das noch als Info.

      • Lieber Norbert,

        ganz herzlichen Dank für Dein feedback!

        Ich würde Dir sehr gerne erklären, was mich an Deinem Beitrag so befreit hat. Doch dafür müsste ich zu weit ausholen. Das ist ne Mega-Geschichte und ich kann nicht nur ein Teil daraus erzählen, denn es hängt alles irgendwie zusammen.
        Nur soviel:
        ich gehe davon aus, dass ich eine narzisstische und/oder Borderline-Mutter habe und ggfs. ist auch mein Stiefvater irgendwie betroffen. So ganz blicke ich da nicht durch.
        Auf jeden Fall quälte auch ich mich mein Leben mit dem Gefühl, „nicht richtig“ zu sein, schlecht zu sein, ich hatte immer das Gefühl „schuld“ zu sein, hatte immer ein schlechtes Gewissen.
        Das führte mich im Jahre 2012 zu einem Heilpraktiker für Pschotherapie und Coach.
        Dieser arbeitete mit mir fast ausschließlich mit „The Work“ von Byron Katie.
        Im Prinzip keine schlechte Sache, doch für meine Situation im Nachhinein schädlich.
        Ich erwähnte ihm gegenüber auch meinen Verdacht bzgl. meiner Mutter/Eltern. Er interessiere sich nicht für „Diagnosen“, sagte er.
        Im Nachhinein sage ich, dass es in diesem Fall sehr wohl wichtig ist, so etwas wie Narzissmus in die Behandlung miteinzubeziehen.
        Denn das ist genau der Punkt:
        Ich habe verziehen und vergeben und kam immer mehr in die Abwärtsspirale. Ich habe Verständnis für meine Mutter entwickelt, ich erfuhr aber keins. Ich habe im „hier und jetzt“ gelebt und wurde durch fieseste Attacken meiner Mutter/Eltern doch immer wieder in die Vergangenheit gezogen (Bsp.: Ich bin mittlerweile 48 Jahre alt und sie wirft mir heute noch vor, bei fast jedem Gespräch, dass ich kein Abi gemacht habe). Ich bin dann sofort wieder das Kind. Und ganz oft, wenn ihre Attacken und Lügen begannen, bin ich am Telefon in eine Art von Bewusstlosigkeit gefallen. Ich saß da schon noch, aber mein Gehirn schaltete sich ab.
        Lange Rede – kurzer Sinn: Es gibt da einfach (noch) nichts zu vergeben. Und ich muss auch nicht. Ich verstehe, wo das Problem meiner Mutter/Eltern liegt, aber es ist nicht mein Job, ihnen zu vergeben. Und um mich selbst lieben zu können, muss es mich erstmal geben und ich müsste erst mal wissen, wer ich bin, bevor man mir solche Ratschläge gibt.
        Das weiß ein erwachsenes Kind von psychisch gestörten Eltern aber nicht.

        ZUM GLÜCK!!!! führten mich einige Schicksalsschläge in eine Traumatherapie und eeeendlich ist es richtig. Und ganz langsam kapiere ich, dass ich richtig bin und dass ich (noch) nicht vergeben muss. Ich fange gerade erst mal damit an, richtig wütend zu werden – und das tut gut! Und komme ihren Lügen auf die Schliche. Unfassbar teilweise.
        Erstmalig mache ich den Mund auf, erstmalig schaue ich HINTER die ehrwürdige Fassade und erstmalig darf ich endlich verstehen, was da gelaufen ist. Und fühle mich erstmalig nicht mehr verantwortlich oder schuldig für das Befinden dieser Eltern. Und das ist befreiend!
        Und wenn ich nicht vergeben kann, ist das auch okay. Weil es eben vielleicht nichts zu verzeihen gibt.
        Ich hab’s kapiert: Ich bin für mich verantwortlich und für mein Glück und ich darf glücklich sein! Ob ich verzeihe oder eben auch nicht.

        Und das hat mich so erleichtert, dass Dein Beitrag sich eben stark aus der Masse der Happiness-Coaches abhebt!!!

        Und dafür danke ich Dir 🙂 (y)!!!

        Herzliche Grüße
        Mirjam

        • Liebe Mirjam,

          deine offenen Worte berühren mich sehr, ich fühle mit dir und ich kann dich, glaube ich zumindest, gut in deinen Zeilen spüren.

          Im Grunde beschreibst du für mich hier die traumatische Elternproblematik, Vergebungsproblematik, wie auch die Re-Traumatisierende Coaches, Heiler, Therapeutenproblematik sehr gut und ich gehe davon aus, dass sehr viele von uns, von dieser Problematik betroffen sind.

          Daher freut es mich für dich, dass du dir zu diesem Zeitpunkt, einen heilsamen Therapeuten kreiert hast, der dich ernst nimmt, der dich so sieht, wie DU es gerade brauchst und der dir erlaubt deine Wut zu spüren.
          Ich finde deinen Beitrag sehr wertvoll, wichtig und ich denke er spricht für viele Menschen und Leser.
          Mit deiner Erlaubnis, will ich ihn gerne innerhalb meines Blogs zu dem Vergebungsbeitrag verschieben, da ich der Meinung bin, dass er dort besser aufgehoben ist. Ist das OK für dich? Wenn nicht, dann lasse ich ihn auch gerne hier.

          Ich bedanke mich herzlichst bei dir für deine Antwort und deinen Beitrag (im wahrsten Sinne des Wortes). 🙂

          Alles Gute auf deinem Weg zu DIR zurück.

          Liebe Grüße
          Norbert

          • Lieber Norbert,

            ganz lieben Dank für Dein Verständnis und Deine Worte :). Und natürlich kannst Du den Beitrag zum Vergebungsartikel verschieben.

            Alles Liebe
            Mirjam

        • Liebe Mirjam,

          wenn auch sehr verspätet, herzlichen Dank für dein OK, wegen der Beitragsverschiebung.

          Liebe Grüße und alles Gute
          Norbert

  3. Lieber Norbert

    Ich bin immer froh, wenn ich kritische Ansichten zum Thema „Vergebung“ lesen darf. Selten genug kommt das ja vor! Ich hatte eine ziemlich unglückliche Kindheit. Ich verbrachte die ersten eineinhalb Jahre im Kinderheim. Die Zeit nachher war nicht besser, denn die Eltern lehnten diesen mich ab, wahrscheinlich wegen meiner unehelichen Herkunft. Misshandlungen waren häufig. Auch ich glaubte, dass Vergebung zu Seelenfrieden führe und nötig sei, um die Traumen zu überwinden. Das wird einem ja in diversen Psycho-Ratgebern immer wieder nahegelegt. Leider hatten meine Eltern niemals gelernt, mich mit menschlichem Respekt zu behandeln. Je mehr ich ihnen vergab, desto frecher wurden sie. Meine dauernde Vergebung gab ihnen wohl das Gefühl, dass sie sich alles mit mir erlauben können. Wieso auch nicht? Dank meiner andauernden Vergebung mussten sie niemals negative Konsequenzen ihrer Taten befürchten. Auf diese Weise zieht Vergebung Wiederholungstaten nach sich. Ich musste den Kontakt zu meinen Eltern abbrechen. Das heisst, ich versuchte es. Sie haben das nie akzeptiert. Bis heute versuchen meine Eltern mit allen möglichen Tricks, den Kontakt wieder zu erzwingen. Natürlich, jetzt sind sie alt, jetzt wäre der „Bastard“ gut genug als billige Pflegerin….
    Ich kann vor unüberlegter Vergebung nur warnen! Vergebung kann auch Wiederholungstäter provozieren.

    • Liebe Froggy,

      Vorweg. Leider schaffe ich es nicht immer zeitnah mich zu melden und bitte Dich und auch allen anderen Schreiberlinge um Nachsicht, wenn es mal etwas länger dauert. Danke.

      lieben Dank für dein Kommentar und deine Offenheit.
      Das sind schon für mich sehr tiefe seelische Wunden, von denen du hier schreibst und ich wünsche dir von Herzen, dass diese Wunden in dir Heilung finden.

      Pass gut auf dich auf.

      Alles liebe und gute
      Norbert

  4. Hallo Norbert,
    noch einmal ich am späten Abend. Eine Vergebungsfalle gibt es nicht, das ist so grotesk und absurd. Vergeben, nur weil es gefordert wird, ist artig und unehrlich bis zum Erbrechen. Ohne das da vorher etwas anderes gewachsen ist.
    Ich musste beispielsweise meinen Eltern -therapeutisch abgesichert!- meinen Eltern die Hände auf den Rücken fesseln, ihnen einen Strick um den Hals legen und sie dann soweit hochziehen, dass sie auf Zehenspitzen noch geruhsam stehen konnten… ein bestialischer Mord, wer kann schon eine Stunde auf Zehenspitzen stehen?
    Aber eben nur therapeutische Phantasie / Wirklichkeit.
    Ohnedem, ohne wirkliches Verstehen in seiner ganzen Brutalität wäre Verzeihen unmöglich.
    Das wir alle brauchen, um leben zu können.

    • Hallo Jens,

      danke für dein Kommentar, das Teilen deiner Sichtweise und einen Einblick in dein vollzogenes Elternritual.
      Ich kann mir gut vorstellen, dass solch ein Ritual sehr hilfreich und ein heilsam sein kann. Warum nicht.

      Lg
      Norbert

  5. Hallo Norbert,

    vor 10 Jahren steckte ich einmal tief in dieser „Vergebungsfalle“. Ich hatte eine langjährige Freundschaft beendet, aber ich konnte nicht aufhören, mich über diese Freundin aufzuregen. Immer nagte das an mir. Und 1000 Mal bin ich in mich gegangen, um endlich Frieden zu finden in dieser Sache. Irgendwann ist mir der Kragen geplatzt: „Verdammt nochmal, dann werde ich dieses Thema halt mein ganzes Leben lang mit mir herumschleppen, ich kanns halt nicht ändern! Ich bin es so leid, nach einem Abschluss für mich zu suchen. Ja, ich kann das ganze Thema nicht mehr hören, es hängt mir zum Hals raus!“ – Und dann ist es passiert: Ab dem Moment war das Thema für mich vergessen und ich war frei von allen Gedanken und Gefühlen, die damit verbunden waren.

    Irgendwie lustig, oder?

    Ich mag deine Seite!

    Viele Grüße von Mareike

    • Liebe Mareike,

      ist alles in Ordnung. Kann vorkommen. Ich habe meinen Namen korrigiert 😉 und den anderen Kommentar raus genommen. Ich denke das ist in deinem Sinne? Falls nicht gib mir bitte bescheid.

      Ich danke dir für deine Zeilen und es freut mich zu lesen, dass du meine Seite magst. 🙂

      Wie heißt es so schön, wer heilt hat recht. Damit will ich sagen, so wie du damit umgegangen bist, hat es dir geholfen. Finde ich prima. Das zeigt uns denke ich letztendlich auch, dass es viele Wege gibt und von etwas befreien zu können.

      Liebe Grüße
      Norbert

  6. Danke für die Impulse!
    Ich pfeife auf vergeben müssen…. wunderbar, das nimmt mir eine große Last.
    Wie oft bin ich schon in diese Falle gelaufen – da habe ich ein Quäntchen Wut gespürt und sofort gedacht: „Ah, aber JETZT kannst du vergeben“…. nix da, vergeben ist erst dran, wenn es von selbst dran ist, nicht wenn ich denke, dass es dran ist!
    liebe Grüße, Kristin

    • Liebe Kristin,

      vielen Dank dass du dich hier mitteilst und ich freu mich, dass du etwas Positives aus diesem Artikel mitnehmen kannst.

      Alles Liebe für dich
      Norbert

  7. Hallo!
    Ich habe zu diesem Thema in meinem Artikel über den inneren Versager ( http://kristinahazler.com/der-innere-versager/) die 22 Stufen der, aus meiner Sicht sinnvollen Vergebungsarbeit beschrieben. Hier kommen die letzten 8 zum Tragen:

    – vergebe dir, wenn du dir nicht vergeben kannst
    – vergebe dir, wenn du (anderen) nicht vergeben kannst
    – vergebe dir, wenn du dir nicht erlauben kannst
    – vergebe dir, wenn du anderen nicht erlauben kannst
    – vergebe dir, wenn du die Vergebung nicht annehmen kannst
    – vergebe dir, wenn du die Erlaubnis nicht annehmen kannst
    – lasse los, alles ist in Ordnung so, wie es ist

  8. Vielen Dank für Deinen Artikel, er spricht mir aus der Seele.
    Es gibt einen Weg zur Heilung – stimmt nicht, es gibt nicht nur einen, es gibt viele Wege da raus, das Schwere ist „nur“, seinen einen, individuellen Weg da raus zu finden – ich möchte von meinem berichten.
    Ja, ich bin geheilt (in dem Sinne, dass mich das in der Vergangenheit erlebte nicht mehr davon abhält, meine Gegenwart und Zukunft schön zu gestalten) und ich pfeif nach wie vor auf Vergebung 🙂 Es ist also möglich, gesund zu werden ohne zu vergeben. Yeah und das ist ein schönes Gefühl, es fühlt sich frei und unabhängig an.

    Das Problem ist die Opferperspektive. Man will sie loswerden, erkennt sie aber selbst kaum. Ich habe mir auf dem Weg der Heilung so oft gewünscht, vergeben zu können. Nicht aus religiösen oder ethischen Gründen, sondern einfach um diese Last los zu werden. Diese Schuld, die andere auf sich geladen haben (durch Missbrauch, Misshandlung, Missachtung, was auch immer Kinderseelen tief verletzt) hat mich zutiefst erdrückt. Das ist Opferperspektive. Man bleibt so lange Opfer, wie man meint, etwas für seine Heiling tun zu müssen (Vergebung). Warum nenne ich es Opferperspektive? Ganz einfach, ein emotional gesunder Mensch ohne wirklich tiefgreifende Verletzungen käme gar nicht auf die Idee, zB einem Misshandler zu verzeihen, der würde ganz klar denken „was für ein armes Schwein – wozu dem vergeben?“ So eindeutig denken Opfer nicht und wenn, dann schämen sie sich auch noch dafür.
    Klar, kann dem Täter vergeben werden, Gott kann das tun oder seine Familie, die ja mitunter auch arg unter seinen Taten leidet – er kann sich Vergebung holen, woher er möchte, aber doch nicht von seinem Oper.
    So weit kommts noch.
    Ich meine das durchaus auf der Metaebene, also ich meine nicht Täter/Opfer Konfrontation, sondern ich meine eine innere Vergebungshaltung seitens des Opfers anstreben zu wollen, ist eine total verquere Opfer-Denkweise…

    Wie aber kann man als Opfer zum nicht-mehr-Opfer werden? Ich meine, das geht, indem man anerkennt, was geschehen ist. Ich Opfer? Ja!! Ich Opfer, verdammte Sch… das hätte einfach nicht geschehen dürfen! Ich war klein, hilflos, jemand hat meine Unreife, körperliche Unterlegenheit, was auch immer schamlos ausgenutzt, mich geschädigt! Das was ganz besonders schützenswert ist, hat er angegriffen, das ist einfach nur asozial, sich an Jüngeren, Schwächeren etc zu vergreifen, das sollte eigentlich jedem klar sein… Thats it. Ob Verletzungen nun bewusst oder unbewusst geschehen sind, ist doch völlig egal. Es hätte einfach nicht geschehen dürfen. Ja, ich bin Oper! Ich habe mit Nachwirkungen, Auswirkungen zu kämpfen, die fürchterlich sind, zB destruktive Beziehungen wiederholen gewisse Struktueren in der unbewussten Hoffnung, dass jetzt etwas anders läuft, es irgendwie wieder gut gemacht werden kann (Falle Versöhnung)…
    Nein, es kann nie wieder gut werden! Logisch eigentlich, denn niemand kann ändern, was in der Vergangenheit geschehen ist, kein Versönungsgedanke, keine Therapie, kein noch so philosophisches oder herzerwärmendes Gespräch.
    Diese Erkenntnis ist bitter.
    Aber diese Erkenntnis hat mir geholfen – nicht die Augen zu verschließen, mir gewahr zu werden, wie wichtig es ist, sich um alle verletzte Anteile zu kümmern.
    Ich bin kein Psycho-Fachmann, ich kann das nicht in professionelle Worte packen, aber ich meine, wer wirklich und tatsächlich schafft, sich nichts vorzumachen, nichts zu verniedlichen, anerkennt, dass Schlimmes geschehen ist, der wühlt und wühlt somit in der Vergangenheit (Vergangenheitsbewältigungsarbeit) – bis die Seele von ganz allein das Gefühl bekommt „ist gut jetzt…“
    Einfach so.
    Einfach, weil all den Verletzungen, Anklagen etc Raum gegeben wurde. Man war wütend, fühlte sich ohnmächtig, haderte mit dem Schicksal, immer und immer wieder, drehte sich im Kreis, unfähig zur Versöhnung, ich glaube, wir alle, die mal zutiefst verletzt wurden, kennen dieses hilflose im-Kreis-drehen, teilweise von schlimmen Symptomen begleitet… glaubt mir, es gibt ein Leben danach. Die Seele ist irgendwann satt vom angeschaut-werden.
    Meine Botschaft ist – vertraut darauf, dass die Seele gesund sein möchte, satt werden will. Holt euch Hilfe, mindestens einen Menschen (guten Therapeuten), möglichst mehr Menschen (gute Freunde), die euch helfen, all den Schmerz zu ertragen, die immer wieder sagen „ja, es war furchtbar – ja, leider kann niemand die Vergangenheit ändern“
    Der „Hintergedanke“, der sich erst nach dem Prozess offenbart ist der, dass die Vergangenheit dadurch ein extrem starkes Gewicht bekommt, so dass die Seele irgendwann von selbst zur Ausgleichung strebt, dass es sie dort hin zieht, wo etwas gestaltbar und änderbar ist (in Gegenwart und Zukunft orientiert). Wenn ich vollends akzeptiere, mir immer wieder vor Augen gehalten habe, dass ich die Vergangenheit nicht ändern kann, wendet sich die Seele irgendwann ganz sicher von allein davon ab und richtet den Blick auf Gegenwart und Zukunft, denn die kann ich gestalten – und das ist es doch eigentlich, was zählt. Jetzt und in Zukunft gut zu leben.
    Dann ist da plötzlich ein anderes Gefühl – „Schxxx auf die Vergangenheit. Was interessiert mich der Täter? Wozu dem vergeben?“ Es ist schlichtweg unnötig. Ja, er gehört zu meiner Vergangenheit, aber in der Gegenwart spielt er keine Rolle mehr. Yeah 🙂

    Käme er an und würde mich um Verzeihung bitten, ich würde antworten, „bitte einen Priester um Vergebung oder erzähl einem Richter, dass du bereust – ich wette, dann ist Ende mit Vergebungsbittengeheuchel 😉 fallt nicht darauf rein, das bedient nur unstillbare Sehnsüchte. Leute, die Kinder schädigen schwafeln auch gern von Verzeihung. Das ist keine Verbitterung, das ist einfach so. Opfer-sein heißt auch naiv sein (er hatte eine schwere Kindheit, er bereut doch etc etc) nicht mehr Opfer sein bedeutet Anerkennung der Realität (es hätte einfach nicht geschehen dürfen). Was habe ich mit der Schuld des Täters zu tun? Nichts. Er kann doch, so er das denn möchte, sich selbst verzeihen, ich meine das nicht ironisch oder so, er kann doch an seiner Reue der Tat arbeiten, niemand hindert ihn daran. Aber nein – wenn man ihnen sagt „Nö, ich verzeihe nicht, warum sollte ich“ (auf Meta-Ebene) dann tunse eingeschnappt und meinen, dass sie so keine Chance zur Heilung haben. Das ist genauso Illusion wie der Wunsch, sich selbst zu heilen indem man dem Täter verzeiht, meine ich.
    Wenn Deine Auseinandersetzung mit dem Täter zur Vergangenheit gehört, dann bist du geheilt, so sehe ich es. Auch wenn es immer mal wieder Ereignisse im Leben gibt, in denen die Vergangenheit wieder näher rückt. Wenn man meint, Vergebung führt dort hin, macht man sich etwas vor. „Vergebung“ ist allemal ein gutes Trostpflaster, das in der mühsamen Vergangenheitsbewältigung eine kleine Verschnaufpause gewährt, so sehe ich es.
    Sorry für den langen Text. Zum Schluss möchte ich mich noch entschuldigen bei allen, denen „Vergebung“ wirklich geholfen hat. Ich glaube schon, dass das auch ein Weg zur Heilung sein kann. Es ist nur so, ich kann es mir nicht vorstellen, für mich ist das total abwegig und wider die Natur der Seele, nichts für ungut.

    Es gibt so viele unglückliche Verstrickungen, zwischenmenschliche Konflikte, die ungewollt großen Schaden anrichten. Man sollte in nahezu jedem Fall zur Versöhnung bereit sein, jeder macht mal Fehler, das sehe ich schon so. Nur eben ich meine, das trifft bei ungewollten Konflikten zu, in denen jeder irgendwo auch seinen Teil dazu beiträgt, und sie auf Augenhöhe stattfinden oder wirklich unbeabsichtigt oder aus reiner Dummheit geschehen. Wie oft tut man unüberlegtes und bereut es später und es ist eine gute Sache, sich gegenseitig zu verzeihen.
    Was ich aber meine, sind Verletzungen an Kinderseelen. Sie hätten nicht nur „nicht verletzt werden dürfen“, sondern „ganz besonders geschütz, gleiebt und umhegt“ und es ist einfach Tatsache, dass gerade diese Verletzbarkeit gewisse Täter regelrecht anstachelt, da habense nen super Blitzaleiter für ihre asozialen inneren Vorgänge gefunden, das finde ich unverzeihbar und würde das auch jedem so ins Gesicht sagen. Ganz ohne Verbitterung und Groll.

    • Danke für deinen langen Post. Da ich irgendwann auch mal einen geschrieben habe bekomme ich noch news wenn einer zu dem Thema was Neues schreibt und bin happy dass es diese Funktion gibt. Deine Inhalte – super zu lesen. Hat sich gut und richtig angefühlt die Äußerungen. Grüße aus Leipzig

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